
KI-Ingenieur/Japanischlehrer
11.1.2026

Glauben Sie an das Sprichwort „Silence is golden" (Schweigen ist Gold)?
Als ich gerade nach Japan gekommen war, war dieses Sprichwort meine „Bibel für zwischenmenschliche Beziehungen". Wenn jemand sprach, schaute ich ihm fest in die Augen und hörte schweigend bis zum Ende zu. Ich war fest davon überzeugt, dass dies der größte Respekt gegenüber dem Gesprächspartner war und ein Zeichen dafür, dass ich „100% deiner Worte aufnehme".
Doch ein Ereignis im Büro zerschmetterte dieses Selbstvertrauen in tausend Stücke.
Es war, als mein Vorgesetzter wichtige Änderungen an einem Projekt erklärte. Wie immer war ich der „perfekte Zuhörer" – bewegungslos wie eine Statue, selbst mein Atem war leise. Plötzlich hielt mein Vorgesetzter inne und sagte mit einem besorgten oder leicht irritierten Gesichtsausdruck:
„...Hey, hörst du überhaupt zu? Verstehst du das?"
Ich erstarrte. „Natürlich! Ich notiere jedes einzelne Wort!", schrie ich innerlich. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass zwischen mir und der japanischen Gesellschaft eine unsichtbare, riesige „kulturelle Mauer" stand.
In diesem Artikel erzähle ich von dem, was ich aus diesem Fehler gelernt habe – die Wahrheit über das „Zuhören" in Japan, nämlich die magischen Geräusche namens „Aizuchi". Nach dem Lesen dieses Artikels werden Sie drei Dinge gelernt haben:
Ich gebe Ihnen Hinweise, wie Ihre „Stille" ab heute zu „warmen Klängen" werden kann.
Die Worte meines Vorgesetzten an jenem Tag waren für mich nicht nur eine Bestätigung, sondern ein Schock, als würde meine Persönlichkeit negiert. Denn ich hielt mich selbst für einen „guten Zuhörer".
In meinem Heimatland gilt es als unhöflich, das Gespräch des anderen durch Geräusche zu unterbrechen. Aber im japanischen Büro war es anders. Mein „Schweigen" erschien meinem Vorgesetzten als „Desinteresse", „Unverständnis" oder sogar „Widerstand".
In der Welt der Japanischdidaktik nennt man dies „Pragmatic Failure" (pragmatisches Versagen). Ein Phänomen, bei dem man trotz korrekter Grammatik durch Verhalten, das nicht den sozialen Regeln der Situation entspricht, beim Gegenüber Unbehagen auslöst.
Ich war genau über diese „unsichtbaren Regeln" gestolpert.
Geschockt ging ich an jenem Tag auf dem Heimweg allein in ein Café. Am Nebentisch unterhielten sich zwei japanische Frauen fröhlich. In meiner niedergeschlagenen Stimmung drang ihr Gespräch mit einem seltsamen Rhythmus an mein Ohr.
【Gesprächsbeispiel im Café】
Frau A: „Gestern war ich von der Arbeit total erschöpft..."
Frau B: „Mhm, mhm" (tiefes Nicken)
Frau A: „Auf dem Heimweg bin ich im Supermarkt vorbeigegangen, aber alle Fertiggerichte waren ausverkauft"
Frau B: „Oh nein! Wie ärgerlich!"
Frau A: „Nicht wahr? Also habe ich am Ende im Konbini eingekauft"
Frau B: „Ah, das kennt man, solche Momente"
Diese Szene erinnerte mich an das „Mochi-Stampfen" zu Neujahr. Wenn eine Person den Mochi stampft (spricht), fügt die andere sofort ihre Hand hinzu und macht Geräusche (gibt Aizuchi). Ein erstaunliches Tempo, das keinen Moment der Stille zulässt.
Da wurde mir klar: „Gespräche in Japan sind kein Informationsaustausch, sondern eine Bestätigung der Resonanz."
Sie sendeten durch das Einfügen von Geräuschen während des Sprechens kontinuierlich das Signal: „Ich bin hier. Ich empfange deine Worte." Was mir fehlte, war dieses akustische Leuchtfeuer von „Ich bin auf deiner Seite".
Ab dem nächsten Tag begann ich mutig, „Geräusche zu machen". Anfangs hatte ich Angst, das Gespräch des anderen zu unterbrechen, aber als ich es ausprobierte, war die Wirkung erstaunlich.
Hier stelle ich praktische Aizuchi-Variationen vor, die ich aus 10 Jahren Erfahrung sorgfältig ausgewählt habe und die Sie ab heute verwenden können.
Beginnen Sie damit, diese drei zu unterscheiden.
Magische Phrasen, die Ihren Gesprächspartner zum Weiterreden animieren.
Wenn Ihnen keine Phrase einfällt, wiederholen Sie einfach das Ende der Worte Ihres Gegenübers.
【Gesprächsbeispiel mit Kollegen】
Kollege: „Ich habe kürzlich angefangen, ins Fitnessstudio zu gehen"
Sie: „Ah, ins Fitnessstudio!" (Wiederholung)
Kollege: „Ja, etwa dreimal pro Woche"
Sie: „Dreimal pro Woche! Das ist beeindruckend"
| Ausdruck | Formalitätsgrad | Verwendungssituation | Gesprächspartner |
|---|---|---|---|
| Sayō de gozaimasu ka | ★★★★★ | Sehr wichtige Meetings, Kundenservice | Kunden, Vorstandsmitglieder |
| Ossharu tōri desu | ★★★★☆ | Geschäftsmeetings, Berichte | Vorgesetzte, Geschäftspartner |
| Sō desu ne / Naruhodo | ★★★☆☆ | Alltägliche Bürogespräche | Kollegen, Senpai |
| Un / Sō nanda | ★☆☆☆☆ | Trinkpartys, Mittagessen | Freunde, Kohai |
Ich erkläre im Q&A-Format die häufigsten Fallen, in die Japanischlernende tappen.
A: Das ist der wichtigste Punkt! Das japanische „Hai" bedeutet nicht „YES (Zustimmung)", sondern ist ein Zeichen für „I'm listening (Ich höre zu)".
In westlichen Kulturen bedeutet „Yes" die Zustimmung zum Inhalt, aber das japanische „Hai" als Aizuchi ist lediglich ein Bestätigungston, dass „deine Stimme mein Ohr erreicht hat".
Rat: Wenn Sie Missverständnisse vermeiden möchten, trennen Sie Verständnis und Zustimmung, indem Sie sagen: „Hai, ossharu imi wa wakarimasu (demo...)" (Ja, ich verstehe, was Sie meinen, aber...).
A: In Japan ist das, was sich nach „zu viel" anfühlt, tatsächlich genau richtig.
Natürlich ist eine zu laute Stimme, bei der man die Worte des anderen nicht mehr hört, nicht gut, aber ein kleines „Un" oder Nicken nach jedem Satz (Satzzeichen) einzufügen, ist der Standardrhythmus.
A: Tatsächlich ist im geschäftlichen Kontext Vorsicht geboten!
„Naruhodo" kann die Nuance enthalten: „Ich habe deine Meinung bewertet und für gut befunden", daher ist es bei sehr strengen Vorgesetzten oder Kunden sicherer, „Ossharu tōri desu" oder „Benkyō ni narimasu" zu verwenden.
Einige Jahre nach jenem Tag mache ich nun bewusst „Geräusche" in Gesprächen mit Kollegen.
Wenn man im Zug nach dem Weg gefragt wird:
„An jener Ecke, ja, verstanden, vielen Dank"
und dabei bei jedem Schritt ein „Hai" oder Nicken einfügen.
Indem man so kleine Geräusche aneinanderreiht, sieht man, wie sich der Gesichtsausdruck des Gegenübers zusehends entspannt. Es ist nicht mehr nur ein Informationsaustausch, sondern ein angenehmer „Tanz".
In Japan ist Schweigen nicht unbedingt eine „Tugend". Vielmehr kann es zu einer „einsamen Mauer" werden, die den Gesprächspartner verunsichert.
Ihre kleinen Geräusche wie „Hai", „Un", „Hee" stören Ihren Gesprächspartner keineswegs. Sie sind wie eine Kerze, die in der Dunkelheit leuchtet – eine Freundlichkeit, die sagt: „Ich höre deinen Worten aufmerksam zu."
Es ist in Ordnung, Fehler zu machen. Beginnen Sie zunächst damit, den Rhythmus der Gespräche um Sie herum zu beobachten. Sicherlich wird Ihnen Japan dann wärmer und vertrauter erscheinen.

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